Transsiberian

„Wenn du all meine Dämonen tötest, sterben vielleicht auch meine Engel.“

Ein Krimiabend der klassischen Art, so oder ähnlich empfiehlt sich ein Kinobesuch von TRANSSIBERIAN. Der neue Thriller von Brad Anderson gibt sich eigentlich zu unspektakulär um  Kinoniveau zu erreichen, punktet aber durch seine charmante, klassische Inszenierung und komplexe Charaktere.

Das Samariter-Ehepaar Roy (Woody Harrelson) und Jessie (Emily Mortimer) hat grade ein Hilfsprojekt in China beendet und begibt sich nun auf den Heimweg in die Staaten. Da Roy ein Eisenbahnfan ist, nehmen die beiden für die Reise von Peking zum Moskauer Flughafen den Transsibirischen Express. Die einwöchige Reise soll ein wildromantischer Trip werden, bei dem Jessie ihrer Hobbyfotographie nachgehen kann, während Roy die Eisenbahn bewundert. Die beiden teilen sich ihr Zugabteil mit einem anderen Pärchen, Carlos (Eduardo Noriego) und Abby (Kate Mata), zwei Rucksacktouristen, die ebenfalls die eisige Steppe Sibiriens genießen wollen. Noch ahnen Roy und Jessie nicht, dass ihre etwas seltsamen Mitreisenden mehr im Schilde führen, als es den Anschein hat und als Roy dann auch noch plötzlich verschwindet und Carlos sich an Jessie heranmacht, eskaliert die Situation…

Obwohl Handlung und Dramaturgie sich in TRANSSIBERIAN nicht grade besonders innovativ gestalten, handelt es sich dennoch um einen solide, spannenden Thriller. Ein Grund dafür ist mit Sicherheit der klassische Schauplatz „Eisenbahn“; stets in Bewegung und doch statisch und beengt, ist dieses ständig fortlaufende und von der Außenwelt isolierte Transportmittel, durch seine gleichsam, faszinierende und bedrohliche Atmosphäre, wie geschaffen für einen Krimi. Hinzu kommt, dass sich die Inszenierung des Films, im besten Sinne, klassisch verhält und den Darsteller viel Platz zum entfalten lässt, was man schon an der ungewöhnlich langen Einleitung spürt, bei der alle Charaktere mit viel Ruhe und Sorgfalt eingeführt werden.

Weiterhin ist zu beobachten, dass sich der Film weniger an seinen bekannten Stars: Woody Harrelson oder Ben Kingsley orientiert – der als reisender Inspektor, etwas später im Verlauf des Films dazu stößt – sondern sich voll und ganz auf Emily Mortimer verlässt. Ihr Charakter Jessie ist mitunter der interessanteste des Films und das nicht nur, weil Mortimer den gesamten Konflikt quasi im Alleingang bewältigen muss, was ihr sehr ausdruckstark und facettenreich gelingt, sondern weil ihre Figur eine fast mystische Aura besitzt und sich in ihrem Inneren mehr zu verbergen scheint, als ihr zierliches, verhalten-erotisches Äußeres vermuten lässt.

Mitunter kann man behaupten, dass sich die Charaktere in TRANSSIBERIAN viel komplexer und interessanter Zusammensätzen, als die eigentliche Geschichte. Ihre Beziehungen zueinander, ihre Träume, ihre Vergangenheit, all das wird sehr genau beleuchtet und ist vielleicht der beste Schachzug von Regisseur Anderson, weil es die Figuren in seinem Krimi sind, die den Zuschauer bei der Stange halten und die zweitklassigen Thrillerelemente, samt der bestenfalls standardisierten Kriminalgeschichte vergessen machen.

Echte Thrillerfans seien also gewarnt, TRANSSIBERIAN hält wenig Spektakel bereit und wenn, dann meint man solches auch schon mal gesehen zu haben. Die durchaus packende Atmosphäre und klassische Inszenierung sorgen dennoch für solide Spannung. Was den Film aber tatsächlich vor einem B-Movie Status bewahrt, ist die intensive Auseinandersetzung mit seine Charakteren und deren komplexe Zeichnungen, die TRANSSIBERIAN nur als zweitklassigen Thriller aber als erstklassiges Drama ausweisen.

Autor: André

1 Kommentar zu “Transsiberian”

  1. Moritz

    3 affen finde ich gnädig, aber ok…

    *kleine spoiler*

    “man schon an der ungewöhnlich langen Einleitung spürt, bei der alle Charaktere mit viel Ruhe und Sorgfalt eingeführt werden”

    genau das ist das problem. wenn eine kriminalgeschichte sich lange zeit lässt, die personen einzuführen, verlange ich eigentlich auch, dass der höhepunkt der geschicht etwas damit zu tun hat. der höhepunkt der geschichte (also der reinen handlung) ist aber leider n billiges osteuropa-”hostel”-folter-drama.

    der innere konflikt (zugegeben, auch während des billig-höhepunktes) der weiblichen hauptfigur hält den film dabei am leben. aber nur grade so. ohne den hätte ich das kino wohl verlassen. was wiederum schade gewesen wäre, wegen der “krankenhaus am bett”-szene, auf der anderen seite wäre mir so die “sie wird auf der trage gerettet”-szene erspart geblieben. selten habe ich im kino so wenig mit einem eigentlich tiefen charakter mitgefühlt…
    *kleine spoiler ende*

    trotzdem kann man dem film die drama-elemente durchaus zugute halten. aber verglichen mit andern thrillern mit tiefgang stinkt er doch ab.

    von mir 2 1/2 affen.

Gib uns deinen Senf!