Tödliche Entscheidung

„Wer eine Familie hat, braucht keine Feinde.“

Ein Raubüberfall der eine Familie auseinander treibt, das ist die Quintessens des – als Thriller getarnten – Familiendramas Tödliche Entscheidung, dem neuen Film des 83 jährigen Regieveteranen Sidney Lumet.

Andy (Philip Seymour Hoffman) bezieht als Geschäftsführer eines Wirtschaftsprüfungsunternehmens ein sechsstelliges Jahreseinkommen und ist mit einer schönen Frau (Marisa Tomei) verheiratet. Sein jüngerer Bruder Hank (Ethan Hawke) dagegen ist geschieden, lebt allein in einem kleinen Apartment, ist mit den Unterhaltszahlungen für seine Tochter hoffnungslos im Verzug, trinkt zu viel und hat eine Affäre – mit der Frau seines Bruders. Dennoch ist es Andy, der von beiden die größeren Probleme hat. Seine Ehe mit Gina steht kurz vor dem Scheitern, und um seinen extravaganten Lebensstil und exzessiven Drogenkonsum zu finanzieren, hat er Geld der Firma unterschlagen…(Quelle: Pressetext)

Dies ist lediglich der Auftakt des raffiniert erzählten Dramas, das sich zu Anfang wie ein genretypischer Thriller verhält, bei dem ein Überfall geplant wird, der dann aber schief geht. Erst danach erfährt man, wer die Personen sind die in den Überfall verwickelt wurden und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Der Film folgt dabei drei Perspektiven, ausgehend von Andy, seinem Bruder Hank und derer beiden Vater Charles (Albert Finney). Festgemacht an einem Ereignis, springt der Film mit Hilfe von Rückblenden immer wieder an einen bestimmten Punkt zurück und wechselt dabei die Perspektive. Auf diese Weise erfährt der Zuschauer Stück für Stück immer mehr über die Charaktere sowie deren Motivation und Handeln. Während sich das Puzzle allmählich zusammen setzt, findet man sich – schleichend – in einem großen Familiendrama wieder, dessen tragische Auswirkungen das zukünftige Leben aller Figuren bestimmt.

Das raffinierte an Tödliche Entscheidung ist, dass der Film erst durch seine Zerstückelung und Neuanordnung der Handlung an Spannung und Intensität gewinnt. Hätte Lumet die Geschichte gradlinig und schnörkellos erzählt, wäre unter Umständen durchaus Langeweile aufgekommen, so aber verfolgt man gespannt den kompletten Ablauf des Films und wird immer wieder von neuen Geheimnissen – um die Familie Hanson – überrascht. Langsam und schleichend wird einem das eigentliche Drama des Ganzen bewusst und man beginnt mit den – im Grunde völlig unsympathischen – Charaktere mitzufühlen.

Selbstverständlich funktioniert das nur auf Grund der hochkarätigen Besetzung und dem exzellentem Schauspiel aller Darsteller. Von Albert Finney und Philip Seymour Hoffman hatte ich ja schon im Vorfeld nicht weniger als „absolute Bestleistung“ erwartet, aber auch Ethan Hawke und die – hier überraschend freizügige – Marisa Tomei überzeugen auf ganzer Linie. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Sidney Lumet endlos lange probt um anschließend sehr schnell drehen zu können, ein bewehrtes Konzept welches man dem Film ansieht. Jeder Darsteller beherrscht seine Mimik, seine Gestik und seinen Text auf den Punkt wodurch ein Sog von Intensität entsteht, der auf das Publikum übergreift. Man wird gefangen von der Handlung, den Figuren und der Spannung des Films und das ganz langsam und ruhig, nur zur Mitte hin droht man kurzzeitig – vielleicht auf Grund einer Rückblende zu viel – abzudriften, doch dann zieht die Handlung wieder unglaublich an und die Ereignisse überschlagen sich, bis zu ihrem unweigerlich – höchst dramatischen – Höhepunkt.

Man möchte fast sagen „ein kleines Meisterwerk“ – vielleicht währe das zu hoch gegriffen, doch die Erfahrung des Regisseurs, die Qualität der Darsteller sowie Inszenierung und die Geschichte selbst, zeugen von hohem Anspruch und stilvoller Unterhaltung, die ganz ohne große Effekte oder laute Geräusche auskommt. Ein Film der alten Schule, der von mir das Prädikat „unbedingt mal anschauen“ erhält.

Autor: André

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