There will be Blood

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Inhalt: Wir schreiben das Jahr 1898 und es ist die Geschichte des gerissenen Goldgräbers Daniel Plainview (Daniel Day-Lewis), welcher unerwartet in Kalifornien auf eine Ölquelle stößt. Durch seinen Pioniergeist, seinem Charme und seinem guten Gespürsinn fürs Geschäft, gelingt es ihm innerhalb von nur kürzester Zeit ein Millionenimperium aufzubauen. Jeddoch lässt ihn die Gier nach mehr schnell zu einem gewissenlosen Geschäftsmann verrohen, welcher sich innerlich immer weiter selbst zerfrisst. Und als dann noch der vermeintlich einfältige Farmerssohn und Laienprediger Eli Sunday (Paul Dano), Plainview ins Geschäft funken will, beginnt ein nervenzerrender Kampf zwischen zwei ebenso ebenbürdigen wie aber auch kaltherzigen und manipulierenden Kontrahenten, um Öl, Geld uns somit auch grenzenlose Macht!

Kritik: Es beginnt mit einem ziehenden und nervenreibenden Wummern und Wimmern, einem dissonanten Kreischen, das schließlich in eine sirenenartige Tonfolge übergeht, bevor die Leinwand für einen kurzen Moment aufhellt, schließlich den Blick freigibt, auf ein Land das so kurz vor der Schwelle steht, sich für immer zu verändern. “Huston… Wir sind gelandet!” In einem cineastischen Meisterwerk, das seines gleichen sucht!

Paul Thomas Anderson, welcher sich hier sowohl für Regie als auch Drehbuchfassung auszeichnet, hat, lose basierend auf dem Roman “Oil!” aus dem Jahre 1927 von Upton Sinclair, mit seinem “There will be Blood” ein Opus Grande, ein cinephiles Feuerwerk und eine zutiefst zerschmetternde, erschütternde, aber zugleich auch ebenso ehrliche Fahrt in die Abgründe menschlicher Seelen erschaffen, welche den Film und vermutlich auch seinen A-Protagonisten Day-Lewis, wohl (zurecht) auf die Oscarbühne geradezu katapultieren wird.

In den rund 160 Minuten, mit denen “There will be Blood” aufwartet, zeichnet Anderson ein schlicht wahnwitziges und ebenso packendes Psychogramm. Eine zerrende Charackter- und ganz nebenbei auch Gesellschaftsstudie, voller Obession, Gier und Kaltblütigkeit wird uns in Andersons “Jetzt-Schon”-Meisterwerk präsentiert, welche schlicht erschreckend brilliant von Daniel Day-Lewis verkörpert wird. Dieser Mann durchtränkt seinen Charackter förmlich mit einer geradezu unfassbar bebenden Aura, welche man ihm nicht nur einfach glaubhaft abkauft, sondern auch in jeder Sekunde, fast schon plastisch spüren kann!

Sein noch junger Gegenspieler Paul Dano, mir bis dato nur als, in der im direkten Qualitäts-Kontrast nichtmal ansatzweise vergleichbaren Rolle, des “Klitz” von “The Girl next Door” bekannt, weiß ebenso erstaunlich zu agieren und seinem Charackter Eli einfach in jeder Sekunde Glaubhaftigkeit zu verleihen. Zwar siegt hierbei allerdings auch, wie schon bei “1 Mord für 2“, die wahrscheinlich auch altersbedingte Schauspielerfahrung eines Day-Lewis, jeddoch allein schon der wirklich äußerst sicke Kontrast zwischen einer hierzu einfach schlicht lächerlich wirkenden Rolle wie der eines “Klitz” in einer zwar netten aber im Grunde nichtssagenden Teeniekomödie, und der Rolle wie der eines “Eli Sunday”… Meine Fresse, wenn der Junge in dem Tempo weiterhin “gutes schauspielern” lernt wie innerhalb von den 3 kurzen Jahren, dann wird er irgendwann schlicht DER Überschauspieler!

Und auch insgesamt bewies man bei der Rollenbesetzung ein außerordentliche feines und liebevolles Gespür. So ist “There will be Blood” wohl der allererste Film in meinem Leben, wo mir ein Schauspielerkind (Dillon Freasier als Sohnemann und “Geschäftspartner” H.W. Plainview) nicht unentwegt auf die Nüsse ging!

Cinematographisch wartet der Film, wie auch schon “Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“, mit ebenso fantastisch liebe- wie auch poesievollen Landschaftsaufnahmen eines Amerika, mitten in der Wendenzeit, Western zur Moderne, auf. Director of Photography Robert Elswit hat es geschafft einige unvergessliche Szenen zu erschaffen, welche sich zumindestens mir, auch wirklich einfach aufgrund ihrer brillianten Optik, in den Schädel gebranntmarkt haben. Bei der, wohl bereits jedermann aus dem Trailer bekannten Ölturmbrandsequenz, vermute ich sogar die Verwendung einiger spezieller lichtempfindlicher Linsen, Filmmaterialien und Optikasystemen, welche hierbei einen nur so vor Charme und gleichzeitig Suspense-Sprühenden Effekt auf die, dabei schon fast ins surreale abdriftende, Szenerie haben. Ganz großes Können und Technickverständniss wurde hiebei anscheinend aufgezogen um einen derart beklemmenden Effekt zu erzeugen, welcher einen schlicht in seinen Bann zieht!

Desweiteren werden auch einige kleinere Kamera und Schnittkniffe, wie z.B. optisch symbolische Verknüpfungen einzelner Szenen durch bestimmte ähnlich wirkende Einstellungen, Geschehnisse und Handlungen, zu- bzw. ineinander angewendet, die ein hübsches Konstrukt der Psycholgie und Arbeitsweise des Films aufzeigen. Aber dies nur am Rande und auch vermutlich nur wirklich wahrnehmbar für Nerds wie mich. ;-)

Auch bei seinem Score geht der Film völlig ungewohnte, ja schon experimentelle Wege. Jonny Greenwood von Radiohead hat die Musik zu “There Will Be Blood” geschrieben , teilweise eigens für den Film komponiert, teilweise aus seinem Album “Popcorn Superhet Receiver” übernommen. Und seine Komposition gehört zum Ungewöhnlichsten, Verstörendsten, in ihrer völligen Durchsichtigkeit, aber auch zum Intelligentesten in ihrer Manipulationsfähigkeit, was wir seit langem im Kino gehört haben. Wenn es etwas klassischer klingt, handelt es sich übrigens um Arvo Pärt. Neben dem, sich hier äußerst viel Zeit für sich selbst nehmenden Anfang, auf dem man sich bei “There will be Blood” als Zuschauer einfach wirklich einlassen muss um den Film mögen zu können, gehört die “Musik” des Film zu den “Wohl nicht jedermanns Geschmack treffenden” Kriterien.

Ich persönlich empfand sie in einigen Szenen als äußerst störend, in anderen wiederrum , wie z.B. jener genannten Ölturmbrandsequenz oder aber auch im Abspann nach dem Film, als äußerst genial gewählt und als besser nicht hätte zutreffend sein können. Jeddoch ist sie dem Zuschauer auch stets bewusst und auch immer stark präsent, sobald sie in Erscheinung tritt, weshalb man sie auch wirklich immer, und sei es nun entweder als treibenden und mitreißenden oder aber eben als nervtötenden aber auf jeden Fall starken, Grandezza einfach kristallklar im Saal wahrnimmt. Die Entscheidung muss dann jeder für sich selbst fällen. Ob genial gewählt oder die Geschichte zerstörend, liegt dann einfach bei euch selbst. Doch allemal muss man dem Score hoch anrechnen das er, wie auch der Film selbst in seiner Erzählart, wirklich neue Wege zu beschreiten versucht.

Diese neuen Wege mögen beim Soundtrack nicht immer ganz ins Schwarze treffen, jeddoch erreicht die Geschichte bzw. der Film an sich, mit seiner aussergewöhnlichen und erfrischenden Erzählstruktur sein Ziel mühelos. Dies aber auch nur sobald man sich als Zuschauer definitiv auch auf den Film einlässt, und das nunmal in all seiner Länge und auch Tiefe. Die komplette, und wie oben bereits erwähnte, auch sehr lange erste Hälfte von “There will be Blood”, dient dem Aufbau, die zweite der Dekonstruktion inklusive Auflösung. So weit, so durchschnittlich, aber was macht die Erzählform von “There will be Blood” so aussergewöhnlich?

Ich habe es am liebsten als wie in einem Spielzeugkasten gesehen: Im ersten Part zeigt uns Anderson all seine “Bauklötze”, präsentiert sie ausufernd, fängt dann gaaaaanz langsam damit an ein “Türmchen” zu bauen. Im zweiten Part stapelt er diese einzelnen “Bauklötze” immer schneller aufeinander und der “Turm” wächst rasant in die Höhe, bis es dann im Unausweichlichen endet, er schließlich im letzten Kapitel einstürzt und zum Schluss liegen dann somit alle “Bauklötze” offen einsehbar vor uns!

Das tolle daran ist die Tatsache das der Turm aus sehr vielen unterschiedlich farbigen Bauklötzen besteht! Insgesamt mögen wir zwar schon viele dieser einzelnen Klötze kennen, jeddoch ergibt sich durch ihre schiere Anzahl und aus dem Prinzip und der Art und Weise wie Anderson die einzelnen Klötze aufeinanderstapelt, etwas gänzlich anderes alls das gewohnte.

Der Film bietet wesentlich mehr als nur ein Drama. Er ist sowohl eine ausgetüftelte Charackterstudie, ein Westerner, ein Dokumentar- und Experimentalfilm, auch hier und dort sogar ein bischen Theater. Und ganz obendrauf ist er überdies auch noch eine höchst aktuelle Gesellschaftsstudie! All diese Plot-Stränge, all diese Genres, werden uns zunächst liebevoll präsentiert, verweben sich immer weiter und tiefer ineinander, bis sie am Ende ein festes Seil ergeben, welches dann aber schlußendlich reißt und uns sein innerstes somit offenbart!

Vielleicht mag man dies noch nicht sofort erkennen, aber spätestens auf dem Nachhauseweg, nach dem Abspann, nachdem die Lichter wieder langsam hochgedimmt sind und man den Saal verlassen hat, kann es doch noch unter Umständen so sein, das dem ein oder anderen, dann doch noch ein kleines Licht aufgeht.

Insgesamt darf man hierbei aber jetzt zum Schluss hin kein rasantes Storytelling oder gar schnelle Action erwarten. Der Film bleibt sich selbst, seiner Geschichte, seiner Zeit in der er spielt und seinen Charackteren, ganz im Gegensatz zu “Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford” auch zur Auflösung hin sehr treu, bleibt auch zum Ende hin bedacht ruhig und lieber sicher agierend.

Eben genauso wird auch überhaupt der Kampf der beiden Parteien dargestellt: Es ist bei “There will be Blood” nicht wie bei “1 Mord für 2” ein offenes Gefecht, keine reine Freude der Characktere am Machtspiel an sich, vorhanden! Nein, es ist alles irgendwie ernster, rauher und intensiver, und dadurch eben nicht so offen und voller Energie. Die einzelnen Schritte die getan werden, insbesondere auf Day-Lewis Seite natürlich, wirken gedämpfter, bewusster ausgewählt und dann auch sicherer ausgeführt als wie bei genannten “1 Mord für 2“.

Obwohl ich ganz persönlich trotzdem besagten Film doch noch einen kleinen, minimalen Tick besser finde als dieses ausufernde Epos. Mag vielleicht auch an dem damit verbundenen Unterhaltungswert liegen welchen “There will be Blood” selbstverfreilich bei seiner Thematik nicht so extrem beinhaltet. Aber dies ist nur meine persönliche Meinung und soll keineswegs ein Urteil fällen, über keinen der Filme, ausser natürlich dann für mich selbst.

Und nun wieder zurück zu den einzelnen Interpretations-, Genre- und Plotmöglichkeiten von “There will be Blood”! Der streng christliche Part, verkörpert von Dano, und der durch und durch kapitalistische aber ebenso auch stark familiäre und mit sich selbst ringende Part, verkörpert von Day-Lewis, bieten einige höchst interessante Interpretationsmöglichkeiten zur heutigen Politischen und Religiösen Struktur, insbesondere die der amerikanischen.

Die Geschichte an sich und auch deren Umsetzung, bieten ein episches Westerndrama, welches ein packendes Bild einer ganzen Ära, welche sich mitten im wirtschaftlichen Umschwung befindet, erzeugt. Eingefangen in wunderschönen (schon fast dokumentarischen) Landschaftsaufnahmen wird dies alles dann mithilfe einer sehr erfrischenden und ungewohnten experimentellen Art und Weise dem Zuschauer vermittelt, sowohl erzähltechnisch als auch musikalisch.

Aber ebenso verbirgt sich im Ende des Films, und das ist hierbei wirklich spannend, mit seiner schlußendlichen Moral, seiner für die Geschichte eigenen Billanz des Lebens, dem schlußendlichen Schlußstrich unter allem, auch gleichzeitig ein Versuch, einer wirklich ehrlichen Aussage, über den möglichen Sinn, eben jenes Lebens. Dabei geht es ihm dann längst nicht mehr um Richtig oder Falsch, Geld und Macht, Gier und Obsession, sondern um Akzeptanz und: Die Wahl in ihrer reinsten Form, nämlich der Wahl an sich!

Fazit: “There will be Blood” ist handwerklich überdurchschnittliche Kost, wird Day-Lewis und Anderson vermutlich den Oscar einbringen, bietet eine packende Story, welche eingebetet in fantastische Bilder und verkörpert durch grandiose Schasuspieler, einfach ein Meisterwerk ergibt. Was soll ich sonst noch dazu sagen? Geht rein, lasst euch aber auf den Film mit seiner Länge und seiner Experementierfreude auch ein, damit ihr ihn genießen könnt. Lasst euch Zeit, lasst dem Film seine Zeit. Gebt ihm das was er braucht, eine Chance, und ihr bekommt auch das was ihr wollt, ein cineastisches Meisterwerk! Viel Spaß mit dem Film, wünsche ich euch dabei.

Autor: Sven

2 Kommentare zu “There will be Blood”

  1. Marc (ausm Kino)

    Hi,
    kann dir mit deiner Einschätzung nur zustimmen. Außer beim Score natürlich, der ist komplett genial, absolut unverzichtbar für die fiebrige Stimmung des Films und nebenbei der wohl beste Horrorfilmscore (der keiner ist) seit Shinning.
    Den Oscar für den besten Film vermute ich dennoch eher bei No Country, das Weltbild mit dem There will be blood seine Zuschauer entläßt ist einfach zu düster und religionskritisch für die USA. Kann mir nicht vorstellen das die Verdammung von Kapitalismus und Kirche gleichermaßen da drüben alle begeistern wird. An Daniel Day-Lewis führt trotzdem kein Weg vorbei.
    Ach und zu Paul Dano: Little Miss Sunshine nicht gesehn? Da hat er doch schon einiges an Aufmerksamkeit bekommen für seinen Teenie mit Schweigegelübde und Nitzsche Tick.

  2. Sven

    Ne, “Little Miss Sunshine” habe ich selber noch nicht geschaut, werde das wohl dann aber mal baldig nachholen. Kannte ihn wirklich bisher nur als Klitz und dafür wars ein gewaltiger Sprung, welcher selbst sogar noch gewaltig ist, wenn ein “Little Miss Sunshine” ihm dabei geholfen hat… Finde ich zumindest äußerst skurril bzw. bemerkenswert.

    Wie gesagt mit dem Score muss jeder selbst entscheiden.

    Mh… Ich drücke dennoch “There will be Blood” meine Daumen für den besten Film dieses Jahr. Würde auch geren objektiver an die Sache herangehen, aber da “No Country for Old Men” in Deutschland noch nicht angelaufen ist kann ich nur den Vergleich zwischen einen kompletten und grandiosen Film und einen spannenden aber den Film nicht wirklich repräsentierenden Trailer ziehen.

Gib uns deinen Senf!