

Inhalt: “The Limits of Control” erzählt in betörend schönen, fast magischen Bildern die Geschichte eines geheimnisvollen Fremden (Isaach De Bankolé), der nach Spanien reist, um dort einen Auftrag zu erledigen. Welchen Charakter dieser Auftrag hat, bleibt zunächst im Dunkeln. Das Vorhaben des ebenso entschlossenen wie schweigsamen Mannes scheint sich allerdings nicht in legalen Bahnen zu bewegen.
Manchmal hat es zudem den Anschein, als ob er selbst nicht genau wüsste, was er in dem fremden Land zu tun hat. Auf den verschiedenen Stationen seiner Reise durch Spanien trifft er auf einige mysteriöse Gestalten, die rätselhafte Botschaften für ihn bereithalten. Ist ihnen zu trauen? Während die Geschehnisse sich immer weiter verwirren und die Zusammenhänge immer unklarer werden, wächst auch das unheimliche Gefühl der Bedrohung mehr und mehr an. Wer oder was steckt hinter dem ganzen? Eine große internationale Verschwörung? (Pressetext: Tobis)
Kritik: “Hinab glitt ich die Flüsse, von träger Flut getragen / da fühlte ich: es zogen die Treidler mich nicht mehr.” So lautet jenes Zitat aus Arthur Rimbauds erstmals 1871 veröffentlichtem “Le Bateau ivre”, oder zu deutsch “Das trunkene Schiff”, welches uns Jim Jarmusch nun ganz zu Anfang, zur allgemeinen Einstimmung auf seinen mitllerweile zehnten Film, auf der eingeblendeten Texttafel präsentiert.
Es empfiehlt sich vielleicht, sich doch zumindest ein wenig, mit jenem 100 Zeiligem Werk des französischen Symbolisten und Wegbereiter der Surrealisten, welcher später einmal unter anderem Künstler wie Bob Dylan, Jim Morrison oder Klaus Mann beeinflussen sollte, in so fern zu beschäftigen, als dass sich doch bisweilen, etliche Parallelen zwischen Rimbauds “Le Bateau ivre” und Jarmuschs knapp 140 Jahre später erschienem “The Limits of Control” finden lassen.
So handeln beide Werke in ihren Grundelementen vom dem “sich treiben lassen”, vom vollständigen Kontrollverlust (The Limist of Control/Die Grenzen der Kontrolle) sowie dem trunkenen und diffusen, ja einfach surrealen Zustand des Träumens. Sogar die verwendete Farbsymbolik, lässt sich stellenweise nahezu 1:1 von dem einem Medium in das andere übertragen, ohne dadurch aber wirklich an Zugkraft zu verlieren.
Auch greift Autorenfilmer Jarmusch bei seinem “The Limits of Control” erneut, wie schon 10 Jahre zuvor bei “Ghost Dog – Der Weg des Samurai”, die Thematik des einsam umherziehenden Wolfes, des “Lone Man” auf, welcher sich selbst nur ein paar wenige, dafür aber unerschütterliche und grundlegende Regeln auferlegt hat: “Keine Mobiltelefone, kein Sex, keine Schußwaffen.”
Bis auf eben jene Punkte, und vielleicht noch der Tatsache dass in beiden Filmen die Protagonisten schwarz sind, gerne hin und wieder meditieren und sich durch ähnliche berufliche Tätigkeiten kleiden, haben aber beide Werke, kaum mehr etwas miteinander gemein und beschreiten fast gänzlich unterschiedliche Wege, was sowohl den Erzähltempus und Rhytmus ihrer Geschichten, als aber auch die jeweiligen Kernaussagen betrifft.
Handelte “Ghost Dog” noch von Kommunikation und Informationsaustausch, so widmet sich “The Limits of Control” der Imagination sowie der Realität im Kontrast hierzu, bzw. wie eben jene sich auch durch den jeweiligen Standpunkt, also die Wahnehmung des einzelnen Betrachters, beeinflussen und verzerren lässt. Auch, oder vielleicht sogar erst gerade deswegen, obwohl Sie beide, von ein und demselben Regisseur stammen.
So dürfen wir nun diesmal, anstelle von Forrest Whitaker, eben Isaach De Bankolé, welcher noch vielen Zuschauern als Raymond, der stets gut gelaunte, französische Eisverkäufer und “beste Freund” des Ghost Dog aus bereits oben gennanten Film bekannt sein dürfte, nun selbst in der Rolle des namenlosen Auftragkillers, für knappe 120 Minuten dabei zuschauen, wie er durch mehrere spanische Ortschaften, von Madrid bis Sevilla reist, verschiedene mysteriöse Botschaften von noch mysteriösereren Charakteren via Streichholzschachtelpost empfängt und dazu gerne Espresso trinkt, sich mit seinen Gesprächspartnern über monekulare Grundstrukturen und die Filme Hitchcocks “unterhält”, und anschließend gerne das örtliche Museum aufsucht, um sich dort angekommen, immer ganz genau nur einem einzelnen Werk zu widmen (“El Violín” von Juan Gris, “Desnudo” von Roberto Fernandez Balbuena, “Madrid desde Capitán Haya” von Antonio López Garcia sowie Antoni Tàpies “Gran Sábana”), die Hallen der Kunst dann wieder zu verlassen, und sich schließlich auf die, meistens per Zugfahrt durchgeführte Reise zur nächsten Ortschaft zu begeben, wo das gleiche Spiel, nur im anderen Anzug, wieder von vorne beginnt.
Anbei währen hierzu noch natürlich die äußerst skurrilen, teilweise recht schrägen Figuren zu nennen, welche unserem “Lone Man” auf seinem Weg, in der folgenden Chronologie begegnen: Die Kreole (Alex Descas), Der Franzose (Jean-François Stévenin), Die Violine (Luis Tosar), Die Nackte (Paz de la Huerta), die Blonde (Tilda Swinton), das Molekül (Youki Kudoh), die Gitarre (John Hurt), der Mexikaner (Gael García) und zu guter Letzt, der Amerikaner (Bill Murray).
Allesamt sind diese nämlich, die eigentlichen und wahren Hauptdarsteller des Filmes. Während der fremde, schwarze Auftragskiller durch überwiegendes Schweigen brilliert, denn keiner isst bitteschön so cool kleine Papierstückchen wie De Bankolé, so sind es aber nunmal eben genau jene surrealen Nebenfiguren, wie das Molekül oder auch die Blonde, die dank ihrer Gesprächigkeit über Musik und Wissenschaft, die Boheme und Sex sowie Filme und Kunst das allgemeine Szenario immer mal wieder, wenn auch nur kurzzeitig, durchbrechen und mit Leben auffüllen.
Dementsprechend ist der “Lone Man” eben auch nur das “trunkene Schiff”, welches sich, benommen vom vielen Wasser und ohne Führungskraft am Steuer dahertreibend, durch das allzu berauschende und surreale sowie tiefblaue Meer aus “Le Bateau ivre” bewegt, und uns dabei aus der Ich-Perspektive von seinen Abenteuern zwischen dem “Rostrot der Liebe” von den “Rhythmen und Delirien”, sowie dem nächtigen “Fieberhimmel” über ihm zu berichten weiß. Dabei bieten etliche Stellen in Jarmuschs Film einen hierzu passenden Vergleich an, wie z.B. alleine schon die Farbsymbolik der stetig den Besitzer wechselnden Zündholzschächtelchen.
Allerdings ist “The Limits of Control” ein warer Makrokosmus solcher Querverweise in die Rrichtung der Moderne des ausgehenden 19ten bzw. beginnenden 20ten Jahrhundert. So zitiert Jarmusch schon allein im Titel, William S. Burroughs gleichnamiges Essay über Kontrolle und Manipulation der Massen. Dies spiegelt sich dann in der bewussten Irreführung des Publikums wieder, welches zu Anfang noch vergebens versucht, die jeweiligen Indizien und Codes der im Grunde ja sehr simplen Hitmanstory zu entschlüsseln, später aber resignierend festellen muss dass es Jarmusch dabei aber gar nicht auf den eigentlichen Plot anlegte, sondern auf das ganze Drumherum und Dazwischen, das lediglich Ausschmückende und Verzierende. “Diamonds are a girl’s best friend”, zitiert der dolmetschende Franzose hierzu, bereits am Anfang des Filmes.
Auch die ausgeübte Sprachkritik aus Burroughs Werk, fand Eingang in Jarmuschs Film, denn sein “Lone Man” scheint Sprachen zu verstehen, die er allerdings vorgibt gar nicht zu beherrschen. Immer wieder wird er hierzu gefragt “Sie sprechen kein Spanisch, oder?” Sprache ist in “The Limits of Control” schließlich genauso arbiträr und willkürlich, wie die Realität in der Sie gesprochen wird.
Abstraktion und Unwirklichkeit, sowie Erzählstruktur und narratives Element werden zusätzlich noch durch die Arbeit des Kameramannes Christopher Doyle unterstrichen, welcher sich schon u.a. für die Mitarbeit an Wong-Kar Wais “In the Mood for Love” und dessen Nachfolger “2046″, sowie etwas massentauglicherer, cinematographisch aber dennoch hervorstechender Ware alá Yimou Zhangs “Hero” auszeichnete.
Doyle pointiert, akzentuiert und interpretiert auf zweiter Ebene, hebt die Geschichte somit auf ein nächsthöheres Level an, welches es tatsächlich schafft, einen Teller voller Birnen, wie ein impressionistisches Stilleben von Monet oder Van Gogh aussehen zu lassen. Kein Wunder also, das Jarmusch ihm ungewöhnlich viel Freiraum und Mitbestimmungsrecht am Set zugewiesen hat.
Die Querverweise zwischen im Film präsentierter und photographierter Kunst, und den jeweiligen farblichen und architektonischen Gegebenheiten der wechselnden Locations, werden nochmals gesondert hervorgehoben und betont. Ebenso wie die liebevoll durchdachten Kamerafahrten durch die jeweiligen Unterkünfte des “Lone Man”, welche ebenfalls erneut die Thematiken und Stilrichtungen der einzelnen, im Film gezeigten Kunstwerke aufgreifen, und dabei neu zu interpretieren versuchen. So finden sich sowohl kubistische, neu-realistische als aber auch expressionistische Züge in den einzelnen Bauten und Wohnungen wieder, in denen sich unser Auftragskiller des Nächtens dann seine Mütze voll Schlaf genehmigt.
Doyle hält eher auf Distanz, bietet also nur selten CloseUp’s oder gar Detailaufnahmen, betont durch die vielen Halbnahen und Totalen aber gleichzeitig nochmals die lediglich subjektive Wahrnehmung der Realität, in dem wir schließlich den “Lone Man” irgendwann nicht mehr als wirkliche, eigenständige Figur realisieren, sondern vielmehr als leeres Gefäß, als strudelndes Objekt im Wind der Ereignisse. Manchmal verschwindet er sogar so vollends, dass wir die Geschehnisse gar aus seiner Ich-Perspektive wahrzunehmen scheinen, die Mauer zwischen Protagonist und Publikum also niergerissen scheint.
Auch die Locations werden von Minute zu Minute einsamer, weiter und surrealer. Befinden wir uns ganz zu Anfang noch, gerne in mit Menschen gefüllten Altstädten, mit Cafés, öffentlichen Plätzen und besetzten Sitzbänken, so wandern wir gegen Ende des Films nur noch durch staubige und leblos wirkende Wüsten, in welchen wir keinerlei Bezug mehr, zur eventuellen Realität zu finden vermögen.
Man munkelt, die Musik von “Boris” und “Sunn O)))”, würde all das ebenfalls noch zusätzlich enorm unterstreichen, leider ist mir aber beim erstmaligen Sehen, aufgrund der gewaltigen Bilderflut, nicht in den Sinn gekommen auch noch auf den Score zu achten.
Fazit: Jim Jarmusch bestreitet nach “Broken Flowers” nunmehr wieder ganz eindeutig, weniger massentaugliche Wege im Arthousesektor. Seine enddlosen symbolischen Spielereien, Metaphern und Zitate zur modernen Kunst und Populärkultur, mögen manch einen Zuschauer wohl ziemlich überfahren und vor lauter aufgeladener Schwere schlicht im Kinosessel erdrücken.
Auch die Tatsache das “The Limits of Control” somit eindeutig mehr Konzept und Konstrukt als eine wirkliche Story aufzuweisen vermag, mag hierbei auf vielen Gesichtern zunächst wohl eher für Verwunderung und Verwirrung sorgen, als für wirkliche Begeisterung. Jarmusch ist also zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, zu Zeiten wie in “Dead Man” oder “Down by Law”, was aber gleichzeitig heißt, das er auch wieder in eine Nische zurückgefallen ist, aus die er sich mit “Broken Flowers” bereits herausgekämpft hatte.
Es wird wohl zunächst einmal ein Rätsel bleiben, warum er diesen Schritt nun letztendlich eben so getätigt hat, doch Fakt ist: Wem Jarmuschs frühere Werke gefallen haben, den wird “The Limits of Control” schlicht vom Hocker hauen.
Es ist kein Film für jedermann, kein Film den man sich gleich zweimal hinter einander ansehen kann und wirklich durchgängig ganz und gar visuell und dialogtechnisch schwere Kost.Doch wer sich auf die ruhige Erzählweise, die symbolisch aufgeladenen Bilder und Konversationen einlässt, der wird für seinen Eintritt definitiv entlohnt.
Autor: Sven