Sweeney Todd

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“Sweeney’s waiting, I want you bleeders.”
Um Musicalfilme mache ich gern einen riesen Bogen, nicht das ich was gegen zwei Stunden Singsang am Stück hätte, es ist viel mehr das ganze Tam Tam Drumherum. Kostüme, Tänzer, Lieder, Choreographie, das alles erinnert mich immer an eine kitschige Vegasshow, wie ein Disneyfilm auf LSD, für die Bühne mag das funktionieren aber im Film geht das meiner Meinung nach gar nicht. Umso gespannter war ich also auf Tim Burtons Adaption von Stephen Sondheims Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street denn das Horror-Drama im musikalischen Gewand, versprach mal was anderes zu werden.
Dass Burton sich Sweeney Todd für seine Verfilmung ausgesucht hat, versteht man sofort wenn man sich die Geschichte mal genauer ansieht, denn viele der Inhalte könnten tatsächlich aus Burtons eigener Feder stammen, da sie genau seinen Geschmack für Dramatik und seine schwarzhumorige Ader treffen. Kein Wunder also, dass Burton denn Stoff nahezu unberührt lies und ihn werkgetreu ohne viele Änderungen adaptierte. Was er sich natürlich nicht nehmen lies, ist dem Ganzen seinen unverwechselbaren Look zu verpassen und damit gab er Sweeney Todd eine Optik, wie sie nicht passender sein könnte.
Burtons düstere, skurrile Märchenwelt geht die perfekte Symbiose mit Sondheims Musical ein und ist mehr noch, die einzig denkbare gestalterische Umsetzung, denn diese Welt ist genau wie Sondheims Werk: dunkel, grotesk, künstlich und von einer alptraumhaften Romantik umspült. Londons Gassen sind düster, nebelig, und verdreckt, werden von Gestalten in zerlumpten Gewändern durchquert. Die Häuser sind alt, schief und vermodert, deren Fenster verzerren den Blick hindurch, geben die Symbolik für das Surreale, das Groteske dieser Welt preis, das Ganze ist nicht Wirklich es ist Fiktion, Fantasie, ein charmant schauriger Traum der die perfekte Aura für ein überspitztes Drama bietet, das, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, auch noch gesungen wird.
Großartig, solch ein Musical will ich sehen, da kümmert es mich auch nicht das die Handlung durchschaubar ist (als ob das bei irgendeinem Musical anders wäre), Burton tut gut daran den Stoff bei seinem Ursprung zu belassen. Ein Musical ist künstlich, oberflächlich, ist Show, genau das ist Sweeney Todd und zwar im positiven Sinne. Die Gestaltung der Sets ist liebevoll und detailverliebt, die Kostüme opulent, wie geschaffen für Theater, für Show, nur nicht auf der Bühne sondern im Kino und sich das entgehen zu lassen ist ein Fehler, denn nicht nur die Ausstattung, auch die Darsteller können voll und ganz überzeugen.
Johnny Depp liefert diesmal ein sehr subtiles Schauspiel, nicht überdreht wie Jack Sparrow, denn Sweeney Todd ist verbittert, trauernd, hasserfühlt, seine Gedanken sind finster, seine Umwelt nimmt er kaum war, er ist fixiert auf Rache, auf Vergeltung. Es sind die Feinheiten in Depps Mimik auf die man achten sollte, sein Ausdruck, seine Augen, Zuckungen der Mundwinkel, Kleinigkeiten durch die er die Stimmungen seines Charakters vermittelt, bemerkenswert für einen Schauspieler mit so wenig Falten und so viel Make-Up im Gesicht. Was seine Leistung aber erst wirklich groß macht ist der Gesang. Johnny Depp hat keine perfekte Singstimme (das zu beurteile, ist für mich eh schwierig da ich von diesen Dingen nur wenig Ahnung habe) aber das Engagement und Herzblut welches er in die gesungenen Passagen legt ist spürbar, wie bei allen Darstellern. Helena Bonham Carter ist mal wieder wie geschaffen für die Rolle der schrulligen, leicht unheimlichen Mrs. Lovett. Das sie sich in Burtons Welt wohl fühlt merkt man ihr in jeder Minute ihrer Performance an. Die beiden geben in ihren Kostümen ein großartiges Duo ab und wirken nebeneinander wie das Freak-Traumpaar des Jahres. Alan Rickman als Richter Turpin spielt einmal mehr genial, Theater, alte Schule, mehr muss man dazu nicht sagen. Leider bleibt das liebende Paar Johanna und Anthony ein wenig blass, da ihrer Geschichte zu wenig Platz im Film erhält. Anthonys naive, romantische Art ist jedoch sehr charmant, Johanna darf hingegen nur eine liebliche Puppe sein, süß aber nicht mehr als ein besungener Traum von Anthony, ein bisschen Schade.
Vom Gesungenen, was ja immerhin 80% des Films ausmacht, ist erstaunlich wenig hängen geblieben. Sweeney Todd hat musikalisch gesehen nur wenige Highlights, die meisten Songs klingen mehr oder weniger gleich und sind nicht mehr als musikalisch untermalte Dia- oder Monologe. Im Gedächtnis haften bleiben: das dramatisch, kraftvolle „Epiphany“ (von dem Auszüge im Trailer verwendet wurden) und das lieblich, schmalzige „Johanna“ welches im Film mehrfach Verwendung findet. Für ein Musical ist dies zu wenig aber auf Grund seiner Dramatik und seiner düster, konsequenten Darstellungsweise, (In der zweiten Hälfte des Films wird enorm viel Theaterblut vergossen) mutet Sweeney Todd ohnehin viel mehr wie eine Operette an und in einer solche passen auch Sondheims Songs, sowie die Tragik und Dramatik seiner Geschichte.
Schlussendlich kann man also sagen: Burtons Adaption von Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street ist ein ungewöhnliches filmisches Highlight das man sich nicht entgehen lassen sollte. Die Optik wirkt schaurig schön und trägt Burtons unverwechselbare Handschrift, die Darsteller zeigen Freude und Engagement in Spiel und Gesang und die musikalische Untermalung gibt dem Ganzen den nötigen Pfiff. Sicherlich ist die Geschichte ein wenig zu durchsichtig um wirklich überraschen zu können aber irgendwas ist ja immer.
Autor: André