Ranicki sagt: “go f**k yourself.”

Am vergangenen Samstag, etwa zu der Zeit, als der große Klitschko diese nigerianische Supernull im Boxring mürbe klopfte, um sich seinen Weltmeisterschaftstitel zurück zu hohlen und etwa zu der Zeit, als unsere Nationalelf die Russen putzte, während Kuranyi sich beleidigt vom Acker machte, um Tags darauf von Jogi die Papiere hinterhergeschickt zu bekommen, ja etwa zu der Zeit versammelte sich die deutsche Fernsehschickeria in Köln, zur alljährlichen Verleihung des „Deutschen Fernsehpreis“, um sich – gestiftet von den Intendanten der ARD, ZDF, RTL und SAT.1 – und ihr ach so „geniales“ Schaffen selbst zu beweihräuchern.

Die Kategorie „Ehrenpreis“ sollte in diesem Jahr einem ganz besondern Uhrgestein deutscher Fernsehgeschichte zu Teil werden, keinem geringern als dem berühmt berüchtigten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Insbesondere sollte dabei seine dreizehnjährige Arbeit mit dem ZDF als Leiter der Sendung „Das literarische Quartett“ gewürdigt werden.

Da saß er nun also, der Marcel (88), vorne in der ersten Reihe und musste zwei Stunden langweilige Abendgala – unter der Leitung von Thomas Gottschalk – über sich ergehen lassen. Dabei wahren so Highlights; wie der herrlich peinliche Auftritt von Ingolf Lück – als Nachahmung von Ben Stiller – im Bluescreen Suit, Atze Schröder samt derbe schlechter Prollowitzchen und in Navy Uniform sowie die Auszeichnung an „DSDS“ als Beste Unterhaltungssendung und – sehr Medienwirksam – die Auszeichnung für den Fernsehfilm „Contergan“ bei der mal wieder dieses einbeinige Mädchen ohne Arme auf die Bühne hopsen durfte, die in dem Film mitspielt und bei deren Auftritt ich schon bei der „Bambi Verleihung“ beinah gekotzt hätte – nicht wegen dem behinderten Mädchen, sondern wegen der schamlosen zur Schaustellung ihrer Person, um Mitleid für Behinderte Menschen zu erregen, eine Aktion, die ich nur mit den Worten “widerlich” kommentieren kann.

Aber zurück zu Marcel. Nun also, nach all der Langeweile – inklusive Peinlichkeiten, Schrecken und Leid – konnte sein Auftritt kommen. Feierlich wurde sein Name ausgerufen während, weil natürlich etwas gebrechlich, er von Gottschalk persönlich zum Rednerpult geleitet wurde, wo er sich Marcel Reich-Ranicki dann mit stehenden Ovationen feiern ließ und hinab blickte auf das klatschende Publikum, welches er in den vergangenen Stunden von Herzen zu verachteten gelernt hatte. Doch ehe er das Wort – welches ihm so heilig ist – ergriff, wollte er sich nicht den imposanten zwei Minuten Einführungsfilm über seine Person entgehen lassen, doch im Anschluss gehörte die Bühne ihm und so verkündete er unter allen Anwesenden und unter tiefstem Bedauern und ausdrücklicher Bestimmtheit, dass er diese Auszeichnung nicht annimmt…enjoy.



Für diesen Auftritt möchte ich ihn ganz lieb knuddeln und lauthals lachen. Lachen vor Verachtung über das deutsche Fernsehen. Lachen über die Dummheit, die es ausstrahlt und die selbst ein alter kranker – wenn auch gebildeter – Mann erkennt, wo doch so vielen jüngeren Menschen diese Erkenntnis verwehrt bleibt. Lachen über einen Bruder im Geiste, wenn gleich auch seiner, trotz Alters, mindestens das zehnfacher meiner Kapazität aufweist und danken. Danken dafür, dass ich einen weiteren Menschen mit Freude am Denken dort gefunden habe, wo ich ihn am wenigsten vermutet hätte…auf der Verleihung des alljährlichen „Deutschen Fernsehpreis“.
 

Autor: André

1 Kommentar zu “Ranicki sagt: “go f**k yourself.””

  1. Sven

    Naja, prinzipiell fand ich das auch schon ziemlich lobenswert, doch leider sind auch Ranickis beste Tage längst Vergangenheit. Das Problem ist sein Alter: Wäre er 5 Jahre jünger, oder 15, so wäre seine Ansprache vermutlich ein richtiger Knüller geworden und er hätte dort mal RICHTIG aufgeräumt.

    So, wie es nun aber gelaufen ist, stand auf der Bühne nur ein (leider!) in die Jahre gekommener, fast schon seniler und auch gebrechlich gewordener Mann, der zwar die richtigen Ideale besitzt, aber nunmal nicht mehr die nötige Energie! Seine “Ansprache”, oder was davon zu hören war bevor Gottschalk unterbrach, war OK, es bedürfte aber der Energie eines Kalkofes um es den Affen dort auch mal richtig einzubläuen.

    Super gräßlich war es dann auch, als dieser Arsch von Gottschalk interveniert hat, um die prikäre Situation zu entschärfen. Ich dachte mir nur: “Hey verdammt, der Typ soll hier für sein Lebenswerk honoriert werden und ihr lasst ihn noch nicht einmal ausreden?”.

    Das ganze Szenario hat mir eher eigentlich für Ranicki Leid getan und für die deutsche Fernsehlandschaft sowieso, da diese anscheinend nicht einmal mehr fähig ist, Kritik von einem der größten deutschen Nachkriegspublizisten und Literaturkritiker entgegen zu nehmen. Ich hoffe die verrecken irgendwan alle an ihrer eigenen dämlichen Scheiße, die Sie da so produzieren!

    Ich selber habe übrigens “versucht” mir einen Teil der “Show” anzuschauen, habe aber direkt nach der ersten Preisvergabe (Nominiert für beste Serie: u.a. “Dr. Psycho”, Gewinner: “Doctors Diary”!) wieder weggezappt, da mir meine Lebenszeit einfach zu kostbar ist. Über Ranickis “Ausraster”, welcher ja dann doch eher lau war, was schade ist, habe ich dann im Netz erfahren.

    P.S.: Auf arte kam übrigens was interessantes ;-)

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