Lars und die Frauen


“Er hat eine Warnvorstellung.”
“Was zum Teufel will er mit einer Warnvorstellung?”
Die Komik rührt oftmals aus der Tragik, nur darf das tragische nicht zu dramatisch werden, sonst wäre es ja nicht mehr komisch. Schwierig wird dies besonders, wenn das eigentliche Thema sehr ernst ist und mit Sorgfalt und Tiefe behandelt werden will. Umso eindrucksvoller gestaltet sich demnach die Arbeit von Drehbuchschreiberin Nancy Oliver und Regisseur Craig Gillerspie, denn ihnen gelang mit Lars und die Frauen die perfekte Balance zwischen Tragik, Komik und Ernsthaftigkeit.
Lars (Ryan Gosling) leidet unter einem psychischen Defekt, er hat Probleme mit sozialen Kontakten und lebt darum sehr zurückgezogen in der Garage seines Elternhauses und damit als direkter Nachbar seines Bruders Gus (Paul Schneider) und dessen schwangerer Frau Karin (Emily Mortimer). Glücklicherweise hat die kleine Gemeinde in der Lars lebt, seinen Spleen akzeptiert und gelernt mit seiner kühlen, abweisenden Haltung umzugehen. Dennoch bemüht sich Karin immer wieder, Lars in das soziale Umfeld einzugliedern, auch wenn dieser ständig versucht ihr auszuweichen. Tief im Innersten spürt Lars die Sehnsucht nach Zweisamkeit und darum bestellt er sich eine „Real Doll“ Sexpuppe aus dem Internet und gibt diese als seine neue Freundin Bianca aus. Die anfängliche Bestürzung seines Bruders und Karin, weicht sehr schnell dem Aktionismus, als die ansässige Psychologin (Patricia Clarkson) bestätigt, dass Lars Bianca als eine Art Brücke zum „normalen“ Leben benutzt. Die gesamte Gemeinde ist angehalten Lars zu unterstützen und Bianca als ein Mitglied der Gesellschaft aufzunehmen…
Mit Leichtigkeit hätte Gillerspie die Drehbuchvorlage in ein bedeutungsschwangeres Drama ausarten lassen können, dass auf die Tränendrüse drückt und für mehr Toleranz und Nächstenliebe plädiert. Stattdessen bleibt er dem Tenor der herzlichen Komödie treu und setzt solche Eigenschaften einfach voraus. Lars (brillant und facettenreich gespielt von Ryan Gosling) ist kein typischer Einzelgänger der voller Zynismus und Unmut durch sein miserables Leben trabt. Er ist ein aufgeweckter, neugieriger und lebensbejahender junger Mann, der um sein Problem weis und selbstständig nach eine Möglichkeit sucht, dieses zu lösen und seine psychische Blockade zu bekämpfen. Natürlich braucht er dafür Hilfe und die findet er auch bei Familie und Freunden und der gesamten Gemeinde. Vielleicht könnte man Autorin Nancy Oliver einen gewissen Schöngeist unterstellen, wenn man sieht, dass wirklich Alle die Sexpuppe Bianca als ein Mitglied der Gemeinde akzeptieren um Lars zu helfen, doch das möchte man gar nicht weil man weis es ist das Richtige.
Man fühlt, lacht und leidet mit Lars auf seinem Weg und man lernt ihn und seine Krankheit zu verstehen, seine Sehnsüchte, seine Ängste und warum er so ist, wie er ist. Das alles macht ihn zu einem glaubwürdigen und vor Allem liebenswerten Charakter mit viel Tiefe und Herz. Diese Sorgfalt der Charakterentwicklung kommt nicht nur ihm sondern auch den übrigen Figuren zu Gute, egal ob Karin (bezaubernd, Emily Mortimer), Lars Bruder Gus, die Psychologin Dagmar oder Margo, die eine Schwäche für Lars hat. Sie allesamt fügen sich wunderbar in die liebevolle und überraschend tiefgründige Handlung ein, die aber niemals zu rührselig, zu dramatisch oder tragisch wird, sondern sich immer ihren guten Geist und ihre Herzlichkeit bewahrt.
All dies macht Lars und die Frauen zu einer kleinen Indy-Perle, die sich als Komödie mit Herz und Verstand nicht der Theatralik oder dem Klamauk ergibt, sondern auf die Stärke ihrer Charaktere und dessen Liebe setzt und damit, anders als Lars beim Bowling, alle Kegel umhaut.
Autor: André