Die Welle

„Drittes Reich…Boar ich kann’s nich mehr hörn“

The Third Wave; so nannte sich die Bewegung des Klassenzimmerexperiments, welches der US-amerikanische Geschichtslehrer Ron Jones 1967 mit seinen Schülern durchführte. Im Jahre 1981 erschien ein – pädagogisch wertvoller – Fernsehfilm der sich mit diesem Experiment befasste; kurz darauf der Roman The Wave von Morton Rhue (D: Die Welle), der wiederum auf dem Drehbuch des gleichnamigen Films basierte und der seitdem zur Pflichtlektüre einer jeden Unterstufe zählt.

Regisseur Dennis Gansel hat sich ebenfalls mit dem Stoff befasst, inspiriert gefühlt und einen Kinofilm gemacht. In diesem spielt sich das Experiment nicht in der USA sondern – sozusagen am Ort des Ursprungs – in Deutschland ab:

Der Gymnasiallehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) startet während einer Projektwoche zum Thema „Staatsformen“ einen Versuch, um den Schülern die Entstehung einer Diktatur greifbar zu machen. Ein pädagogisches Experiment mit verheerenden Folgen. Was zunächst harmlos mit Begriffen wie Disziplin und Gemeinschaft beginnt, entwickelt sich binnen weniger Tage zu einer richtigen Bewegung. Der Name: DIE WELLE. Bereits am dritten Tag beginnen die Schüler, Andersdenkende auszuschließen und zu drangsalieren. Als die Situation bei einem Wasserballturnier schließlich eskaliert, beschließt der Lehrer, das Experiment abzubrechen. Zu spät. DIE WELLE ist längst außer Kontrolle geraten…(Quelle: Pressetext)

Auch ich musste das Buch – meiner Zeit – für die Schule lesen, fand es damals auch ganz spannend und interessant. Heute würde ich es in die Kategorie: „Faszination Faschismus für Anfänger“ einordnen; es ist eben nur ein Roman für Teenager, der genau wie der Film versucht eher Jugendlichen zu gefallen. Was Lehrer Wenger mit seinen Schülern vorhat, ist jedem – halbwegs – gebildeten Hobbypsychologen (der das Buch nicht gelesen hat, wohl gemerkt) nach 5.min klar, ebenso worauf das Ganze wohl oder übel hinausläuft. Umso unverständlicher ist es, dass die Schüler der gymnasialen Oberstufe scheinbar nicht begreifen, auf welch – doch recht einfache Weise – sie von Wenger manipuliert werden und warum die Schulrektorin ein solch riskantes Experiment auch noch unterstützt. Nicht vergessen, die Handlung spielt in Deutschland, wo jeder Anflug von Faschismus – sei er auch kontrolliert und experimentell – entweder strengstens überwacht oder sofort im Keim erstickt wird.

Man merkt’s, der Plot hakt, zumindest hatte ich das Gefühl. Es erscheint einfach äußerst unglaubwürdig, dass eine 11.Klasse voll mit rebellierenden – auf jede Autorität pfeifenden – Schülern, innerhalb von nur einer Woche, zu faschistoiden Idealisten wird; selbst wenn ihr Lehrer ein Kindskopf namens Jürgen Vogel ist. Vielleicht 1967, VIELLEICHT aber heute, im hier und jetzt wohl kaum.

Andererseits ist es ja genau diese Frage, um die sich das Experiment dreht und mit der sich Jene, die den Film sehen beschäftigen sollen. Alle wichtigen Fragen und Anregungen zum Thema wirft der Film auf, liefert aber auch direkt die passenden Lösungen, ohne dem Zuschauer Raum für Eigeninterpretationen zu gönnen. Es ist eben doch ein Lehrfilm geworden, für Jugendliche, für Schulklassen, zum lernen, ätz!

Und auch auf der Ebene tut er sich schwer. Die Dialoge der Teenager fühlen sich häufig nach Drehbuch an, wirken geschwollen und aufgesetzt, was nicht an den durchweg guten Darstellern liegt, sondern am Autor, der sich krampfhaft bemüht hat die Dialoge jugendlich und authentisch klingen zu lassen; das klappt auch manchmal, aber oft auch nicht.

Was hingegen wieder enorm anspricht, ist die frische, moderne Optik des Films. Gansel erzählt schnell und schnörkellos in gekonnt eingefangenen Bildern die die Stimmungen des Films optimal transportieren und ihn dadurch – zumindest visuell – auf ein hohes Niveau heben sowie zu einem verdienten KINOfilm machen. Auch die Darsteller wenden sich engagiert und gut gelaunt ihrem Schauspiel zu und bemühen sich, dem Film die konstruktive Art und aufgesetzte Moral weniger anmerken zu lassen.

Bleibt also zu sagen: Die Welle ist gut gemeint und sicherlich viel besser als der gleichnamige Fernsehfilm, gib sich aber leider zu simpel und aufgesetzt um wirklich gut zu gefallen. Aus pädagogischer Sicht erfüllt er jedoch sein Ziel und schafft es nebenbei, dank guter Darsteller und bestechender Optik, bei Laune zu halten und über Schwächen des Drehbuchs hinweg zu trösten…ich würd sagen, ne gute drei.

Autor: André

2 Kommentare zu “Die Welle”

  1. Moritz

    der größte fehler des films besteht meiner meinung nach in eindeutigen der beschränkung auf eine zielgruppe:
    das thema hat ja durchaus potential, selbst wenn es natürlich etwas durchgekaut ist. die machart (man nehme nur mal die party-szene nach ca. 20 min.) und die umsetzung des romans zum drehbuch (einfacher: die dialoge) sind aber deutlich zu “jung” geraten. als erwachsener mensch kann man sich das – meiner meinung nach – kaum geben.
    auch als anschauungs-unterricht ist der film eher für die unter-, höchstens noch mittelstufe zu gebrauchen. schon oberstufenschüler dürften sich mit der darstellung ihrer altersgenossen nicht mehr identifizieren können, so “teenie-mäßig” kommt der film daher…

  2. André

    ja da haste recht…generell mag ich es eigentlich, wenn ein film versucht nicht allen zu gefallen. angesichts der interessanten thematik wäre bei “die welle” eine erwachsenere herangehensweise dennoch wünschenswerter gewesen. aber zu thema “faschismus” gibts ja noch den film “das experiment” von oliver hirschbiegel; deutlich intensiver, krasser, glaubwürdiger und für alle altersklassen…bin sicher den kennste auch.

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