Der Vorleser

Literaturverfilmung eines der erfolgreichsten deutschen Romane der Nachkriegszeit. Herausgekommen ist ein mittelprächtiges Drama über Moral, Schuld und Scham, welches nach Oscarauszeichnung für Kate Winslet und mehrfach Nominierung in verschiedenen Kategorien, ziemlich enttäuscht und große Gefühlsmomente schmerzlich vermissen lässt.

 

Mitte der 60er Jahre trifft der 15 jährige Michael auf die mehr als doppelt so alte Hanna, trotz des Altersunterschiedes entbrennt zwischen den beiden eine leidenschaftliche Affäre, die jedoch nur einen Sommer anhält. 8 Jahre später, Michael ist inzwischen Jurastudent, kreuzen sich die Wege der beiden erneut bei einem Schauprozess für Kriegsverbrecher, bei dem Hanna sich als ehemalige KZ-Aufseherin, verantworten muss…

 

Was als leicht anrüchige Romanze alla DIE REIFEPRÜFUNG beginnt, gipfelt nach etwa einem Drittel Film in einem tragisch breit gewälzten Nachkriegsdrama, bei dem jedoch Emotionen zu Gunsten moralischer Grundsatzdiskussionen und pathetischem Holocaustgeseiere auf der Strecke bleiben. Eigentlich schade, denn, sofern man den Roman nicht kennt, entpuppt sich die plötzliche Wendung des Films, samt dem Geheimnis der Hanna Schmitz, als durchaus überraschend und völlig unvorhergesehen, auch wenn sich bereits zu Anfang ein Schleier über der Figur Hanna ausbreitet.

 

Doch grade im zweiten Akt, dem zentralen Kern der Geschichte, spielt die Beziehung der beiden Hauptfiguren plötzlich eine untergeordnete Rolle. Ins Zentrum tritt das Drama des Holocaust: die Täter, die Opfer, es wird diskutiert über Moral und Gesetz, Gerechtigkeit und Schuld. Wir lernen eine andere Seite der Hanna Schmitz kennen und dürfen uns unser eigenes Urteil bilden. Klar, der Clou der Geschichte ist, dass hier ein Täter zum Opfer stilisiert wird, doch es geht hier nicht um Holocaust, sondern um zwei Liebende, deren Beziehung auf Grund von Scharm, Schuld und Fehlern der Vergangenheit zerbricht und anstatt, dass der Film eben diese Motive klar beleuchtet und an den Charakteren festhält, liefert er lieber Denkanstöße und reichlich Diskussionsstoff für die Mittelstufe.

 

Erst im letzten Akt, wird die Beziehung der beiden wieder persönlicher und man konzentriert sich wieder auf die Gefühlslage der Figuren, nur leider wurden die einfühlsamen Stimmungen bis dahin nahezu gänzlich zerstört und die Nähe, welche man zu den Charakteren aufgebaut hatte, fehlt oder lässt sich nur schwer wieder rekonstruieren, was auch an fehlenden Informationen zum Aktivismus beider Figuren liegt.

 

So dümpelt die Geschichte im ungewissen und tut sich schwer mit konkreten Aussagen, was bleibt sind Grautöne und das Gefühl hier einen Lehrfilm über moralische Grundsätze, in Form eines Dramas, präsentiert bekommen zu haben, der die wirklich interessante Aspekte lieber verschleiert.

Wenigstens über die darstellerischen Leistungen kann man nicht groß meckern, Schauspielzögling David Kross kann doch komplexer agieren als KRABAT zuletzt vermuten ließ und natürlich hat Kate Winslet den Oscar längst verdient, wenn sie mir auch in ZEITEN DES AUFRUHRS besser gefiel. Ralph Fiennes ist mit einer schwammigen Rolle gestraft, deren Motivationen im Gefühlschaos versumpfen, ein Umstand, der aber sowohl der Rolle des alten, wie auch der des jungen Michael Berg anhaftet.

 

Unterm Strich also für Freunde der Literaturvorlage sicherlich eine nette Ergänzung, im Grunde aber ein überschätzter Film der inhaltlich wenig überzeugt und bei dem eigentlich nur Kate Winslet wirklich gut weg kommt.

 

Autor: André            

6 Kommentare zu “Der Vorleser”

  1. Marc

    Vielleicht stattdessen nochmal 96 Hours ansehen ;-)

    Auch wenn das letzte Drittel etwas verquast und umständlich erzählt ist, kommt der Film hier viel zu schlecht weg. Außerdem geht es schlicht und einfach nicht um eine emotionale Liebesgeschichte, deren Entwickling hier bemängelt wird, sondern was für einen Menschen Hannas und sein eigenes Verhalten aus Michael Bergs Psyche gemacht haben. Das er dabei “lieber Denkanstöße und reichlich Diskussionstoff liefert” hat mir persöhnlcih sehr gefallen.

  2. André

    …vielleicht lag’s ja daran, dass ich die ganze Zeit darauf gewartet habe, dass Liam Neeson zur Tür reinkommt und alle in den Arsch tritt ;)

    ich wusste ja, dass der Film eine NS-Thematik aufgreift oder vielmehr für die Motivationen der Charaktere benutzt, allerdings hat mich das dann bei Betrachtung trotzdem mächtig genervt, weil es so in den Vordergrund gespielt wird, obwohl es nur als Motiv dient, um Hanna die Täter/Opfer Rolle zu verpassen und Michael vor einen Konflikt zwischen Zuneigung und Abschäu stellt, was ja auch mit seiner Generation zusammen hängt, aber das alles kommt meiner Meinung nach nur schleierhaft durch… mich hat die ganze “Nürnberger Prozess Reloaded” Sache (wenn auch aus anderer Perspektive) völlig aus dem Konzept gebracht und aufgeregt, so dass ich mich nacher einfach nicht mehr richtig einfinden konnte.

  3. Sven

    Ich verstehe Andrés Kritikpunkte zwar schon, teile Sie sogar größtenteils mit ihm, aber nur 2 Affen im Vergleich zu “96 Hours” mit satten 4 Affen, ist und bleibt mir einfach komplett unverständlich und nicht nachvollziehbar. Mein Urteil wäre eher genau andersherum..

    “96 Hours” war ein solider bis streckenweise sogar gerade mal eben so durchschnittler bzw. passabler Actioner, der ziemlich Klischeebehaftet und eher unmotiviert seine Story abrackert, wohingegen “Der Vorleser” mir zumindest am Anfang wirklich hervorragend zu gefallen wusste.

    Die liebevolle und äußerst intime Exposition der beiden Hauptcharacktere von Hanna und Michael und deren außergewöhnliches Verhältnis zueinander, plus der einfühlsam gestalteten Kameraführung und dem ruhigen, fast zaghaften Schnitt bilden einfach ein wesentlich runderes Bild zumindest am Anfang von “Der Vorleser”, als das dies jemals ein “96 Hours” auch nur ansatzweise, oder gar über die komplette Laufzeit schaffen könnte.

    Nachher lässt der Film allerdings wirklich rapide nach, verliert sich in seiner eigenen Komplexität, die so komplex auch gar nicht ist, indem er alles nur noch ansatzweise anzudeuten versucht, allerdings dabei ziemlich schnell seine Kraft vom Anfang verliert, bei dem er noch fokusiert und konzentriert seine eigene Geschichte abhandelt und diese dabei niemals aus den Augen verliert!

    Ganz so wie es André bereits ausformuliert hat: “Erst im letzten Akt, wird die Beziehung der beiden wieder persönlicher und man konzentriert sich wieder auf die Gefühlslage der Figuren, nur leider wurden die einfühlsamen Stimmungen bis dahin nahezu gänzlich zerstört”.

    Und schlußendlich entstehen dadurch auch noch viele klaffende Lücken, die der Film nicht mehr mit seiner Geschichte zu füllen vermag, da er zu unkonzentriert und zu unfokusiert vorrangeht. Je weiter man sich dem Schluß nähert, desto zäher und steifer wird das Konstrukt. Die beiden großen Kapitel des Films (Die Liebesgeschichte zw. Hanna und Michael vs. Moralische Streitfragen zum Regime und deren Anhänger im Gerichtssaal) werden nicht wirkungsvoll von Daldry ineinander verwebt, so das Sie vielmehr nebeneinander laufen und sich dabei eher gegenseitig hinderlich wirken, als stärkend!

    Doch bleibe ich trotz aller Kritikpunkte bei dem Fazit, das “Der Vorlseser” auf jeden Fall mehr Affen verdient hat als André ihm vergönnt hat, insbesondere gegenüber “96 Hours”. Dazu gefiel mir die Exposition am Anfang einfach zu gut.

    “Der Vorleser” —> 3 bis 3,5 Affen
    “96 Hours” —> 2 Affen

  4. Moritz

    wer verben wie “abrackert” und “abhandelt” in einem satz “be”-handelt, der sollte eh “ver”-handelt werden. zu was? zu recht !

  5. Sven

    Heute mit dem falschen Fuß aufgestanden?

  6. Moritz

    nee, warn zitat von stuckrath-barre. sollte lustig sein, isses aber eher nicht, wenn man die vorlage nicht kennt, geb ich zu…

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