Der Fremde Sohn

Mit reichlich Verspätung hat es DER FREMDE SOHN pünktlich zur Oscarsaison, nur einen Monat vor Bundesstart von Eastwoods wesentlich aktuellerem Film GRAN TORINO, nun doch noch in die Kinos geschafft. Der Film feierte bereits vergangenes Frühjahr in Cannes Premiere und traf dort auf ziemlich zweigeteilte Meinungen. Mir persönlich völlig unverständlich, denn bis auf wenige Marginalien präsentiert sich DER FREMDE SOHN als äußerst schickes und ergreifendes Gesellschaftsdrama, welches zudem auf einer wahren Begebenheit beruht und die Geschichte eines Skandals berichtet, bei dem einer verzweifelten Mutter, nach Verschwinden ihres Kindes, ein falscher Sohn als der Ihrige aufgezwungen wurde.

Dieser Vorfall ereignete sich Ende der 20er Jahre in Los Angeles, zu einer Zeit, in der das dortige Polizeidezernat, inoffiziell, noch korrupter und krimineller gehandelt wurde, als die Straftäter, die es eigentlich verfolgen sollte. Im Zentrum der Geschichte steht die alleinerziehende Mutter Christine Collins (Angelina Jolie), deren neun Jahre alter Sohn eines Tages spurlos verschwindet. Nach Monaten der Ungewissheit und des bangen Wartens, teilt die Polizeistelle von L.A. der besorgten Mutter die frohe Botschaft der Wiederauffindung ihres Jungen Walter mit. Die Wiederzusammenführung von Mutter und Sohn wird als Presseereignis, medienwirksam am Bahnhof gefeiert, um so größer das Entsetzen in Christines Augen, als diese feststellen muss, dass das Kind, welches ihr präsentiert wird, nicht ihr Sohn ist. Schnell wird auf ihren Zweifel reagiert; Sie sei traumatisiert, verwirrt, das Kind habe sich verändert, alles völlig normal, es bestehen kein Zweifel, der kleine Junge sei ihr eigener Sohn. Obwohl sich der anfängliche Zweifel und der mütterliche Instinkt schon bald durch scheinbar unwiderlegbare Fakten bestätigen, beharrt die Polizei auf dem Erfolg ihrer Ermittlungen und ist sogar bereit, Christine Collins, auf Grund geistiger Verwirrtheit, einweisen zu lassen. Diese fühlt sich dadurch jedoch nur in ihrer Meinung bestätigt und findet sogar in einem Gemeindepfarrer (John Malkovich) einen mächtigen Verbündeten, doch in einem eng gestrickten korrupten System, tritt sie einen beinahe hoffnungslosen Kampf an und die Zeit drängt, denn die Spur ihres vermissten Sohnes wird immer kälter…

Zunächst mal auffällig, ist die opulente und hervorragende Ausstattung des Films, die von den zeitgemäßen Mode, über die schicken Oldtimer, bis hin zu den liebevoll gestalteten Sets, sehr gut recherchiert wurde und einen authentischen sowie gleichsam filmreifen Hollywoodflair der 20er Jahre wiederspiegelt. Nicht unwesentlich trägt dazu Angelina Jolie, mit einer zurückhaltenden Art, kräftigem Make Up und einem gewissen Starappeal bei. Gleichzeitig besitzt sie außerdem die nötige Präsents und Stärke, um sich als alleinerziehende Mutter, in dieser von Männern dominierten Welt, glaubhaft, zu behaupten. Dennoch ist es sehr begrüßenswert, dass sich der Film nicht einer möglichen Emanzenparade aussetzt, sondern, bis auf einen kleinen Ausflug in das Deportationslager ungeliebter Frauenzimmer/Nervenheilanstalt, mit der Thematik der unterdrückten Frauenrechte, der damaligen Zeit, zurückhält und seinen Fokus auf der allgemeinen „David gegen Goliat“ Geschichte beharren lässt.

Im mittleren Teil erlaubt sich, produzierender Regisseur Clint Eastwood, zu Gunsten der Spannung, jedoch einen kleinen Ausschweifer ins Thrillergenre und lässt neben dem skandalösen Drama, seinen ganz eigenen Horrorfilm mit Psychokiller abfahren, ein überraschendes Detail, welches die Geschichte ungemein bereichert und für diverse Wendungen und Spannungselemente sorgt, dafür darf sogar der Hauptplot einen Moment zurückstehen, denn nach vielen Wendungen landet Eastwood dann doch wieder beim zentralen Thema und konzentriert sich ganz auf seine Hauptdarstellerin. Diese leistet hier einiges und darf in diversen Szenen glänzen, ganz ohne die Reize ihres Körpers zu benutzen, der ja seit einiger Zeit ohnehin nur aus Haut und Knochen besteht. Etwas enttäuschend ist die zu knapp geratene Rolle von John Malkovich, der zwar einen soliden, aber leider keinen bleibenden Eindruck hinterlässt und hier nur als Staffage dient, während Jolie sich austoben darf, naja, es sei ihr gegönnt.

Wir fassen also zusammen: Eastwood kann seinen Dramareigen um ein weiteres gelungenes Werk aufstocken und präsentiert hier einen schick ausstaffierten, spannend erzählten und sogar überraschenden Film, mit einer glänzenden Hauptdarstellerin, die hier in großen Ausbrüchen und auch leisen Tönen überzeugt. Natürlich verhält sich die Inszenierung, für Eastwood nicht überraschend, sehr klassisch zeigt sich darin aber gekonnt und begeistert sogar mit Genreübergreifenden Elementen und vielen Wendungen, die die Spannung bis zuletzt aufrecht erhalten, das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Autor: André

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