Der Baader Meinhof Komplex

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„Was’n das für ne scheiß repressive Truppe hier? …ficken und schießen sind ein Ding.“
Die authentisch düstere Verfilmung des nationalen Alptraums der beginnenden 70er-Jahre kann mit edler Optik, viel Aufwand und schauspielerischen Höchstleistungen glänzen. Auf inhaltlicher Ebene kann Uli Edels Adaption des gleichnamigen Sachbuchs von Stefan Aust allerdings wenig überzeugen und lässt jegliche emotionale Nähe zum Geschehen schmerzlich vermissen.
Deutschland in den 70ern. Die radikalisierten Kinder der Nazi-Generation, angeführt von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), der ehemaligen Starkolumnistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck) und Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) kämpfen gegen das, was sie als das neue Gesicht des Faschismus begreifen: Die nordamerikanische Politik in Vietnam, dem Nahen Osten und der Dritten Welt, unterstützt von den führenden Köpfen der deutschen Politik, Justiz und Industrie. Baader, Meinhof und Ensslin gründen die „Rote-Armee-Fraktion“ und erklären der Bundesrepublik Deutschland den Krieg…(Quelle: Pressetext)
Rein oberflächlich betrachtet ist DER BAADER MEINHOF KOMPLEX ein Opus Grande von enormem Schauwert. Regisseur Edel hat weder Kosten noch Mühen gescheut ein düsteres, kühles, historisch fundiertes und vor allem sehr authentisches Drama zu inszenieren, welches mit großen aufwändigen Szenen, viel Detailversessenheit, einer durchweg guten Besetzung und fulminanter Ausstattung begeistern kann. Weder verurteilt, noch verblümt der Film die Gewalttaten der RAF-Terroristen, gibt sowohl Staat als auch Guerilla Kämpfern eine Lobby und hält sich sehr nüchtern und faktisch – fast ohne Ausschweifungen – an historisch belegte Tatsachen.
Die Handlung konzentriert sich am so genannten „Harten Kern“ der ersten RAF-Generation (Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin) und beschreibt die Ereignisse vom Besuch des persischen Schahs 1967 bis hin zu den schockierenden Terroraktionen des „Deutschen Herbst“ 1977. Erzählt wird von der Gründung der RAF, der politischen Einstellung ihrer Mitglieder, zahlreichen terroristischen Anschlägen und Attentaten sowie der letztendlichen Inhaftierung von Baader, Meinhof und Ensslin.
Insgesamt bemüht sich der Film zehn Jahre komplexe Wirklichkeit in 2 ½ Stunden zu quetschen, dabei können nicht alle Ereignisse gleich berücksichtigt werden und so musste man vieles raffen oder auslassen und insgesamt scheint alles mehr angerissen, als sorgfältig ausgearbeitet. Natürlich kann man dies dem Film nicht zum Vorwurf machen, denn er gibt sich viel Mühe, den historischen Ereignissen gerecht zu werden und nimmt sich für die Prunkstücke soviel Zeit wie möglich. Die Realität gehorcht anderen Gesetzten als der Film und dieser hat, bei allem historischen Kontext und politischer Brisanz, vor allem die Aufgabe zu unterhalten und darum dürfte es nicht überraschen, dass DER BAADER MEINHOF KOMPLEX als purer Lehrfilm deutscher Geschichte nur zum Scheitern verurteilt ist.
Um so fragwürdiger also, warum Edel nicht den Mut besessen hat sich von faktisch belegten Tatsachen und der Sachbuchvorlage loszureißen und Stellung zu beziehen, Spekulationen zu machen, Tatsachen zu Interpretieren, zu Adaptieren und der Welt sein Bild der RAF zu zeigen und nicht jenes, welches wir schon alle kennen. In diesem Punkt waren vergleichbare Filme wie DAS LEBEN DER ANDEREN oder DER UNTERGANG wesentlich mutiger. Ob Ulrich Mühe als STASI-Spion oder Bruno Ganz als Adolf Hitler, beide durften ihre Charaktere greifbar machen, ihnen ein Wesen, eine Seele verleihen. Ihren Figuren Emotionen schenken, die man verstehen, nachvollziehen und fühlen kann. Andreas Baader ist nicht greifbar, er ist rebellisch, unkonventionell und jähzornig, Eigenschaften die ihn sympathisch und unberechenbar machen, aber er – ebenso wie seine Freundin Gudrun Ensslin – bekommen kein Fundament, kein Motiv, sie vollziehen keinen Wandel, ihre Handlungen sind nicht nachvollziehbar. Beide wirken eindimensional, wie das Klischee eines jungen Wilden, man kennt diesen Charakter, aber warum er mordet, zu den Waffen greift, sich mit aller Kraft auflehnt, die Familie verlässt, die Kinder im Stich lässt, all das kann man nicht verstehen – all das bleibt ein Mysterium.
Den Darstellern kann man das nicht ankreiden, das was sie zeigen dürfen überzeugt, es ist das Drehbuch welches zu beschäftigt ist die ganze Historie abzureißen, anstatt sich ausführlicher mit den Charakteren zu befassen. Dadurch wird der Zuschauer größtenteils zum Beobachter, er verfolgt das Geschehen auf der Leinwand mit Spannung und Interesse, aber nachvollziehen kann er es nicht, er bleibt distanziert und die Schicksale der Beteiligten sind ihm egal, ganz gleich ob diese nun verhungern, hingerichtet werden oder Suizid begehen. Einzige Ausnahme ist der Charakter der Ulrike Meinhof, sie ist die einzige, der etwas mehr emotionale Gewichtung gestattet wird und bei der ein zumindest nachvollziehbare Wandel stattfindet, Gemessen an der überwältigenden Anzahl der Charaktere, ist dies jedoch viel zu wenig. Vielleicht wäre weniger doch mehr gewesen.
Sei es wie es ist, DER BAADER MEINHOF KOMPLEX ist ein optisch bestechendes Highlight, welches oberflächlich betrachtet für viel gute Unterhaltung, Spannung und düstere Atmosphäre sorgt. Inhaltlich ist der Film zu nüchtern, neutral und sachlich geraten, reißt unzählige RAF-Kapitel an, ohne diesen in ihrer Komplexität gerecht zu werden. Die Darsteller leisten hervorragende Arbeit, ihre Charaktere sind jedoch nur wenig greifbar und insgesamt fehlt es dem Film an emotionaler Nähe und Stimmung, die für die zahlreichen dramatischen Ereignisse so wichtig gewesen währe.
Autor: André