Bahnhofstristes

Müdigkeit geistert durch meinen Schädel nach der durchzechten Nacht und 36 Stunden Wachzustand, nicht mein persönlicher Rekord aber dennoch kräftezehrend. Ich stehe am Bahnsteig und warte auf den Zug der mich ins warme und gemachte Bett tragen soll. Den letzten Zug habe ich verpasst, da ich ein Duell gegen den Fahrkartenautomat bestreiten musste, weil der sich beharrlich weigerte meinen 5 Euroschein anzunehmen. Als ich es endlich geschafft hatte den Schein auf automatenkompatibel zu polieren und meinen Fahrschein in Händen hielt, fuhr die Regionalbahn Richtung Heimat dreisterweise ohne mich vom Gleis ab und ließ mich im trüben, regnerischen Ambiente des sanierungsbedürftigen Bahnsteigs zurück.
Wie in Trance stehe ich nun da und starre ins Leere. Der beißende Gestank von Urin steigt mir in die Nase, während ich versuche den überteuerten Kakao vom Bahnhofskaffee runter zu würgen. Schokolade soll ja bekanntlich das Gemüt beflügeln, doch angesichts des tristen Schauspiels das sich mir vor Augen darbietet, will bei mir keine rechte Verzückung in Erscheinung treten. Ein paar Bagger graben, hacken und schaufeln sich durch die Überbleibsel eines Abrissgebäudes, hinter der Baustelle noch mehr marode Wohnhäuser die traurig im Regen stehen. Bauschutt bedeckt die durchtränkte Flora und Fauna, vor der sich ein paar lieblos arrangierte Absperrgitter aneinanderreihen. Dieser Ort macht depressiv und lädt in keinem Fall zum längeren Verweilen ein.
Gerne würde ich mich in eine erdachte Traumlandschaft flüchten, doch das krächzende, dilettantische Gestammel der Lautsprecherdurchsage in regelmäßigen Abständen, holt mich immer wieder in die Realität zurück. Man sollte meinen, dass das Bahnhofspersonal, bei nur 4 verschiedenen Zügen die hier täglich ein und ausfahren, so langsam deren Ankunftsgleis und Zielort kennen sollte. Ich beschließe mich anderweitig abzulenken und mache mich auf die Suche nach einem Mülleimer um die, mittlerweile leergetrunkene, Kakaoflasche zu entsorgen. Nach gefühlten 2 km Spaziergang, durch den nicht überdachten Bereich des Bahnsteigs, finde ich endlich ein entsprechendes Behältnis, ich sollte die Rückreise jedoch schnell antreten, da mein ersehnter Zug bald eintreffen müsste.
Natürlich bin ich zeitig wieder im Einstiegsbereich, denn die Regionalbahn kommt, wie meistens, mit leichter Verspätung eingetrudelt. Müde lasse ich mich in einen Sitz der Personenbeförderungsklasse 2 fallen, während meine Gedanken an einen wunderbar paradiesischen Ort driften, an dem die Zeit stillsteht, die Vögel zwitschern und die Frau meiner Träume mir, barbusig, einen eiskalten Cuba Libre serviert.
Autor: André