

Inhalt: “Poppy (Sally Hawkins) arbeitet als Grundschullehrerin im Norden Londons und ist das, was man eine wahre Frohnatur nennt: stets gut gelaunt, offenherzig, hilfsbereit und ihren Mitmenschen gegenüber unvoreingenommen. Kurzum: Poppy muss man einfach gern haben. Mit der großen Liebe hat es allerdings noch nicht so richtig geklappt – ist aber auch halb so wild. Schließlich hat Poppy ja ihre Mitbewohnerin Zoe, ihre Schwester Suzy und noch einen ganzen Haufen bester Freundinnen, mit denen sie um die Häuser ziehen kann. Poppys unbeschwerte Art löst in ihrer oft etwas missgelaunten Umwelt allerdings auch Befremden und Erstaunen aus. Manche halten sie für ein wenig schlicht, einige sogar für verrückt. Auf jeden Fall aber führt Poppys Dauerflirt mit dem Leben zu den absurdesten Situationen, deren Komik nicht selten in anarchischer Auflösung gipfelt.” (Pressetext: Tobis)
Kritik: Zunächst einmal ein tiefes “WTF!?” für die obrige Inhaltsangabe vom Verleih Tobis! “…deren Komik nicht selten in anarchischer Auflösung gipfelt.”? Hat man euch ins Hirn gekackt Jungs? Naja wie dem auch sei…
Ich hatte ja eigentlich erwogen, mir die “Happy-Go-Lucky” Kritik zu ersparen. Fast zwei ganze Stunden ist dieser Streifen lang, hat mich somit schon zur genüge kostbare Lebenszeit gekostet… Die Review war in Deutsch, möglich dass die Originalfassung ein wenig besser kommt, aber ich bin nicht auch nur im Ansatz bereit, dies irgendwann einmal, freiwillig testen zu wollen.
Den Ankündigungen zufolge soll “Happy-Go-Lucky” ein humorvolles FeelGood-Movie sein, eine Komödie. Zumindest der Trailer und die Werbung sind dermaßen auf Comedy zurechtgetrimmt, dass man dies glauben mag, vielleicht sogar annimmt, es könnte sich um eine Komödie mit romantischen Zusatz handeln. (Siehe obrigen Schwachsinn Pressetext)
Leider ist “Happy-Go-Lucky” aber höchst nervig, nur bedingt unterhaltsam und stellenweise derart langatmig, dass ich sogar Mühe hatte, wach zu bleiben. Einige Zuschauer aus anderen Vorstellungen, verließen schon bereits nach den ersten 30 Minuten die Vorstellung, aber ich hatte ja doch noch die Hoffnung, dass sich in “Happy-Go-Lucky” ja vielleicht doch noch irgend etwas tut, dass sich das Leiden und die Engelsgeduld letztendlich doch noch auszahlt. War nicht. Und falls ich in der Zukunft nochmal eine derart grausame Zeit im Kino erlebe, werde ich eigenhändig die verdammte Kopie verbrennen!
Da es Filmemacher Mike Leigh (“Vera Drake”) anscheinend nicht für nötig hält, dass, was er mit “Happy-Go-Lucky” sagen will, via einer halbwegs unterhaltsamen Story zu vermitteln, werde ich hier auch keine, wie sonst von mir erwartet, so üblich scharfsinnige und stets höchst informative sowie natürlich auch rein objektive Filmkritik meinerseits erbringen, sondern nur schnell ein paar Wörter in das WordPress kloppen…
Eine durchgehende Story gibt es in “Happy-Go-Lucky” nicht, als Charakterstudie taugt der Film aber mangels authentischer Figuren leider ebenso wenig. Und eigentlich sollte eine Inhaltsangabe wie folgt lauten:
“Poppy ist eine nervige Grundschullehrerin, die niemanden mit ihrem Gequassel verschont. Das soll uns dann aber vom Regisseur als “Happy” und gutgelaunt verkauft werden. Sie hält nur dann endlich die Fresse, wenn man gerade hoffen würde, dass sie ihren Mund aufmacht und ihre Meinung sagt.”
Z.B. gleich beim ersten Mal, als ihr Fahrlehrer (Eddie Marsan) eine rassistische Bemerkung macht, wird diese von Poppy nur schweigend quittiert, allerdings dann später bei den eigenen Freundinnen breitgetreten und als “unzumutbar” dargestellt.
Der Fahrlehrer ist ein wandelndes Klischee, steht für jedes Vorurteil unter der Sonne und verkörpert diese auch in jeder Sekunde mit perfekten Sarkasmus. Eddie Marsan ist wirklich beeindruckend in der Rolle des Fahrlehrers Scott! Leider bildet er damit aber auch gleichzeitig den einzigen, winzigen und gänzlich alleine strahlenden glanzvollen Moment des gesamten Filmes.
Die im “Happy-Go-Lucky” Trailer verstümmelte Szene im Buchladen ist in Wirklichkeit dann auch viel länger. Denn Poppy muss den bemitleidenswerten Buchhändler, dem der Sinn nicht nach Small Talk steht, erstmal gehörig zuquatschen. Sie beweist somit gleich auch direkt in der ersten Sequenz dem Zuschauer, ihre fehlende Respektlosigkeit und Sensibilität gegenüber anderen Menschen (der Buchhändler läuft ihr sogar irgendwann davon, doch das scheint Sie keineswegs zu interessieren, sie macht einfach weiter).
Auch schwer zu ertragen ist eine über Gebühr ausgedehnte Szene, in der wir Poppys betrunkener Chicksengang (inkl. betrunkener Poppy selbst) ewig lange dabei zuhören müssen, wie sie über nur wenig interessantes reden. Als einziger bei einer Party nüchtern zu sein ist nicht sonderlich aufregend, wir haben das sicher alle schon einmal erlebt, und so ist auch diese Szene für den Zuschauer.
Nachdem wir Poppy dann gerade endlich hassen gelernt haben, werden uns aber ein paar Szenen geliefert, die diesen Blick revidieren sollen und Poppy’s Charakter denn dringend nötigen Tiefgang verpassen möchten, denn wir bisher so schmerzlich vermisst haben.
Das haut nicht hin. Too little, too late! Das ist die einzige Antwort, die mir dazu einfällt. Die Puzzle-Teile fügen sich nicht zu einem Bild zusammen, Poppy wird nicht zu einer glaubhaften dreidimensionalen Figur.
Ach ja, ein Mann fällt ihr dann gegen Mitte/Ende des Films auch noch vom Himmel in einer der Szenen, wo eigentlich nur noch ein Comic-Armor mit Pfeil und Bogen und ein innerer Monolog fehlt.
“The Road to Reality” heißt das Buch, das Poppy übrigens in der Buchhandlung zufällig aus dem Regal fischt. Der Weg zur Realität. “Den möchte ich lieber nicht gehen”, sagt sie fröhlich vor sich her sprudelnd und gackernd (sic!) und stellt es rasch wieder weg.
Bei Poppy hat jener normalerweise ja eigentlich “gesunder” Optimismus des Menschen, leider einen völlig anderen Gang eingeschlagen. Sie besitzt schon längst, keinerlei Bezug mehr zur eigentlichen Realität und wankt nur noch gluckernd und völlig verblendet, durch den Film. Und die armen Kreaturen um Sie herum müssen dann auch noch, ebenso wie der Zuschauer, unter dem sinnlosen Hirnhangdrüsenejakulat, welches sie ununterbrochen von sich absondert, leiden.
Sie ist wie ein 30 jähriges Kind, welches keinerlei Verantwortung für ihre Umwelt tragen will. Mehr noch, sie scheint auch erst überhaupt nicht, die dafür benötigte geistige Reife zu besitzen! Eine Art weiblicher Michael Jackson, welcher am liebsten niemals seine Neverland Ranch verlassen will! Und dafür soll man die Braut dann auch noch bewundern??? Geschenkt, lieber Mike Leigh…
Aber: Die Mission des Films, die Frage die er dem Zuschauer ja eigentlich stellen möchte, dies aber aufgrund mangelnder Kompetenz und oben genannter Probleme vergeigt, ist laut Leigh selbst: “Was ist Glück? Und wird die Welt erträglicher, wenn man auf ihre Hässlichkeit mit Abkapselung reagiert, oder wenn man sich ihr öffnet?”. Und die Antwort daruf lautet schlicht, dass man eine Balance dazwischen finden muss! Und weder das eine noch das andere, zumindest in der Extreme ausgeübt und für sich alleine stehend, so wie es bei Poppy ja der Fall ist, die richtige und einzig wahre Antwort auf diese Frage darstellen kann.
Wenn die Mogelpackung “Happy-Go-Lucky”, die keine Komödie ist, wenigstens ein halbwegs interessantes Drama oder eine interessante Charakterstudie wäre, dann wäre ich ja zufrieden gewesen. Auch wenn mir eine Komödie angekündigt wurde. Man ist ja flexibel. Man ist ja willig sich unterhalten zu lassen. Man will ja wissen was der Regisseur da einem sagen möchte.
Doch dieses unausgegorene Patchwork kommt daher wie das Ergebnis eines Brainstormings, das man mal eben mit improvisierten Szenen und ein wenig Editing auf Spielfilmlänge gebracht hat, um eine Deadline einzuhalten.
Noch eins: Dass die Filme bestimmter Filmemacher aufgrund ihrer Historie oft viel milder beurteilt werden ist wohl kein Geheimnis. Einige der “weniger eindrucksvollen” Filme dieser Filmemacher bekommen trotz allem eine Review und gute Kritiken. Aber hätte ein noch unbekannter Regieneuling z.B. ein derartig “wenig eindrucksvolles” Filmchen abgeliefert, müsste er mit einem kalten Klima rechnen, bzw. würden dann von vornherein weniger Kritiker ihre Zeit damit “verschwenden”, darüber etwas zu schreiben. Dieses Verhalten macht für mich leider einfach keinen Sinn.
Ich halte es für ein Cop-out, das “Schema” zu bemühen… Einfach nur “anders” zu sein ist nicht automatisch ein Qualitätssiegel. Auch Filmemacher, die in der Vergangenheit interessante Filme geliefert haben, können ‘mal weniger interessantes abliefern. Das ist ja auch okay. Aber jeder Film ist eben für sich als Kunstwerk zu bemessen, denn das ist dass, was der Zuschauer letzlich nunmal sieht. Nicht das Gesamtkunstwerk des Regisseurs, sondern nur einen Film.
Fazit: Und sollte dieser Film eben “Happy-Go-Lucky” heißen, so kann ich nur sagen: “Überlegt es euch verdammt gut, ob ihr 2 Stunden eures Lebens, einfach so die Toilette runterspühlen möchtet”
Autor: Sven